protest

Protest

Was ist Protest?
Wenn Menschen auf die Straße gehen und ihre Wut und Ablehnung über bestimmte Zustände zum Ausdruck bringen? Protest heißt wörtlich übersetzt 'für etwas Zeugnis ablegen' (pro testare). Wenn wir protestiere zeigen wir also wofür wir sind und nicht wogegen. Natürlich können wir gegen den Krieg in der Ukraine, gegen Atomkraftwerke, gegen Steuerhinterziehung etc. sein, aber wofür sind wir dann?

Dagegen sein ist einfach...

Aber die Kunst ist es, Lösungen und Alternativen zu finden und Menschen davon zu überzeugen, dass sie besser sind. Wenn wir kreativ protestieren, zeigen wir wofür wir sind indem wir etwas erschaffen, dass diese Alternativen veranschaulicht.
Das heißt, wir müssen in uns eine positive Vision entwickeln, wie wir unser Leben, unsere Welt gestalten möchten. Je klarer und fühlbarer diese Vision ist, umso mehr Kraft gibt sie uns. Dies ist die Kraft, die wir für den kreativen Protest brauchen, die wir aber auch durch ihn erhalten. Denn indem wir unsere positiven Visionen ausdrücken, werden sie nicht nur für andere Menschen, sondern auch für uns realer und wirksamer.

Von der Kunst zum Kreativen Protest.

Künstlerin bin ich nun schon lange und mindestens genauso lange bin ich schon eine politisch denkende Frau. Mein großes Dilemma war immer beides zu verbinden. Denn Kunst erschien mir häufig abgehoben und weltfremd, während Politik humorlos und dogmatisch daher kam. Weder mit dem einen noch dem anderen konnte ich mich anfreunden.

Mein persönliches Aha-Erlebnis hatte ich durch mein Engagement bei Munich Kyiv Queer. Eigentlich wollte ich nur eine Ausstellung in Kyiv haben und mal in dieses fremde Land Ukraine reisen. Irgendwie ließ ich mich dann doch überzeugen an dem Pride 2013 in Kyiv teilzunehmen und das hatte weitreichende Folgen. Hautnah mitzuerleben wie (lebens-)gefährlich es ist in der Ukraine offen lesbisch, schwul oder transgender zu sein, gab mir eine völlig neue Perspektive für die Möglichkeiten meiner Kunst.
Mein Testballon war dann der anschließende CSD in München. Der Pride in München war schon lange kaum mehr als eine ausgelassene, kilometerlange, eintägige Partymeile. Die Berichterstattung in den Medien war dementsprechend: Jahr für Jahr druckten die Zeitungen Bilder von Transvestiten, die in atemberaubenden Kostümen um die Gunst der Kameras wetteiferten.
Ich wollte Aufmerksamkeit für die Ukraine und den Zustände dort, die mich so tief bewegt hatten. Mein erklärtes Ziel war es, etwas zu erschaffen mit dem ich in mindestens einer der drei großen Tageszeitungen München's mit einem Foto vertreten sein würde.
Damals sorgten Präsident Putin's 'Gay Propaganda' Gesetze weltweit für Aufsehen und Schrecken. Diese Bedrohung wollte ich sichtbar machen. Aber wie konnte ich dies tun ohne die Leute zu erschrecken? Ich wollte Putin nicht noch mehr Macht dadurch geben, indem ich die Ängste vor ihm schürte. Ich wollte Putin so zeigen, wie ich ihn als Mensch sah: Ein kleiner Mann, der sicherlich selbst viel Härte und Kälte erlebt hat und dies nun weitergibt. Ein kleiner Mann, für den Macht zum wesentlichen Lebensinhalt geworden ist und der deshalb gefährlich ist.
Das Ergebnis war ein großer schwarzer Panzer aus Pappkarton, den ich um ein Dreirad herum baute. Putin's erstarrte Gesichtszüge hatte ich mit einem überdimensioniertem Kopf aus Styropor nachempfunden und mit einer Bärenfellmütze gekrönt. Das I-Tüpferl war seine rosa Uniform mit Totenkopf-Orden. Auf dem CSD war Putin's Panzer Parade ein absoluter Hingucker. Und das beste war, die Leute lachten über ihn. Und am Montag zeigte mir ein Blick in die Presse, dass ich mein Ziel erreicht hatte.

Für mich war nun bewiesen, dass Kreativer Protest nicht nur die positive Aufmerksamkeit von Menschen erreicht, sondern auch sehr attraktiv für die Medien ist.
Aber meine Hoffnung war, dass Kreativer Protest nicht nur hierzulande, sondern auch in Ländern in denen Menschenrechte und Meinungsfreiheit nicht unbedingt gewährleistet sind ein effektives Mittel sein könnten. Deshalb gab ich 2014 meinen ersten Creative Protest Workshop in Odessa und konnte drei sehr wesentliche Dinge beobachten:
1. Kreativer Protest ist eine positive Form um Menschen zu erreichen.
2. Kreativer Protest hat auch sehr positive Auswirkungen auf die Menschen die ihn ausüben.
3. Das eine ist genauso wichtig wie das andere.
Seither habe ich viele Erfahrungen gesammelt und gebe neben meiner Arbeit als Malerin auch Creative-Protest Workshops. Zuletzt während der Creative-Protest Tour 2016 durch vier Städte der Ukraine (siehe auch Projekte). Meine Grundsätze des Kreativen Protests habe ich in folgendem Konzept zusammengefasst.

Kreativer Protest (PCP-Protest)

Eine Methode um Menschen darin zu unterstützen positive Veränderungen für sich und die Welt umzusetzen.
Philosophie Die Prinzipien sind sehr einfach: peaceful (friedlich), creative und positive – PCP Positive bedeutet, dass der Inhalt unserer Ideen, Aktionen und Worte positiv ist. Da das Wesen der Menschen positiv ist, sind sie für Positives offen, wenn wir sie davon überzeugen können, dass es für sie persönlich positiv ist. Creative bedeutet, dass wir für die Aktionen die wir durchführen, um uns unserem Ziel näher zu bringen, unser eigenes Potential an Argumenten, Witz, Ideen, Charme, Intelligenz, Ausdauer, Flexibilität - also an Kreativität nutzen. Peaceful bedeutet, dass all unsere Aktionen darauf ausgerichtet sind etwas aufzubauen und zu erschaffen. Dies kann eine Idee oder etwas Konkretes sein.
Gewalt gegen Lebewesen oder Dinge in Wort oder Tat ist keines unserer Mittel.

Die Methode besteht im wesentlichen aus 4 Schritten:
1. Vision
Herausfinden was uns wirklich am Herzen liegt.
Kreative Übungen
2. Inspiration
Lernen von anderen.
Diavortrag über Beispiele von CP
3. Idee
In der Gruppe Ideen entwickeln
Teambuilding und Brainstorming
4. Praxis
Gemeinsam kreativ sein
Ideen praktisch umsetzen


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